Desinformation erkennen

Framing in den Medien: Wie Wortwahl unsere Wahrnehmung lenkt

„Dichter Verkehr“ oder „Stauchaos“? Dieselbe Nachricht kann ganz unterschiedlich wirken, je nachdem, welche Worte, Bilder und Zahlen gewählt werden. So erkennst du Framing und liest Nachrichten bewusster.

Framing heißt, dass dieselbe Information je nach Wortwahl, Bildauswahl und Schwerpunkt unterschiedlich verstanden wird. Wer von „Stauchaos“ liest, denkt an Ärger und Versagen, wer von „dichtem Verkehr“ liest, an einen normalen Werktag. Die Fakten können identisch sein, der Eindruck ist es nicht. Dieser Artikel erklärt, wie Framing funktioniert, warum es unvermeidbar ist und wie du Frames in Nachrichten erkennst. Er vertieft ein Thema aus dem Ratgeber Desinformation erkennen.

Was Framing bedeutet

Das englische Wort „frame“ bedeutet Rahmen. Ein Frame ist ein Deutungsrahmen, der bestimmt, wie wir eine Information einordnen. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte und lässt andere in den Hintergrund treten.

In der Kommunikationswissenschaft wird häufig eine Definition des US-Forschers Robert Entman herangezogen. Sinngemäß heißt es dort: Framing bedeutet, einige Aspekte einer wahrgenommenen Wirklichkeit auszuwählen und hervorzuheben. Dadurch werden bestimmte Deutungen nahegelegt, nämlich

  • was das Problem ist (Problemdefinition),
  • wer oder was es verursacht hat (Ursachenzuschreibung),
  • wie es moralisch zu bewerten ist (Bewertung),
  • und was getan werden sollte (Handlungsempfehlung).

Nicht jede Meldung enthält alle vier Elemente. Aber schon die Frage, welches davon im Vordergrund steht, verändert die Wirkung.

Womit Frames gesetzt werden

Frames entstehen nicht nur durch einzelne Wörter. Typische Mittel sind:

  • Begriffe und Metaphern: Ist von einer „Welle“, einer „Flut“ oder einem „Anstieg“ die Rede? Metaphern aus Natur, Krieg oder Krankheit tragen starke Bedeutungen mit.
  • Auswahl und Reihenfolge: Was in der Überschrift steht, prägt das Verständnis des ganzen Textes. Was erst im letzten Absatz kommt, lesen viele nicht mehr.
  • Zahlen und Bezugsgrößen: Absolute Zahlen, Prozentwerte, Vergleiche mit dem Vorjahr oder mit einem Rekordjahr erzeugen jeweils ein anderes Bild.
  • Bilder: Ein Foto von leeren Regalen erzählt eine andere Geschichte als eines von vollen.
  • Stimmen: Wer im Text zu Wort kommt und wer nicht, verschiebt die Perspektive.

Wie stark Frames wirken: zwei klassische Experimente

Dass schon kleine Unterschiede in der Formulierung Urteile verändern, zeigen Experimente aus der Psychologie.

Das bekannteste stammt von den Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahneman aus dem Jahr 1981. Sie legten Versuchspersonen ein ausgedachtes Szenario vor: Eine Krankheit bedroht 600 Menschen, zwei Gegenprogramme stehen zur Wahl. Wurden die Programme mit geretteten Leben beschrieben, wählte die Mehrheit die sichere Variante. Wurden exakt dieselben Ergebnisse mit Todesfällen beschrieben, entschied sich die Mehrheit für die riskante Variante. Rechnerisch waren beide Fassungen gleich.

Ähnlich zeigte eine Studie aus den 1980er-Jahren, dass Hackfleisch als „75 Prozent mager“ besser bewertet wurde als dasselbe Produkt mit der Angabe „25 Prozent Fett“. Diese Art von Framing, bei der derselbe Sachverhalt positiv oder negativ ausgedrückt wird, begegnet dir in Werbung und Nachrichten ständig.

Neutrale Beispiele aus dem Alltag

Die folgenden Formulierungspaare sind ausgedacht. Sie beschreiben jeweils denselben Sachverhalt, setzen aber unterschiedliche Rahmen.

Sachverhalt Formulierung A Formulierung B Unterschied im Rahmen
Verkehr am Freitagnachmittag „Dichter Verkehr auf der Autobahn“ „Stauchaos legt Autobahn lahm“ Alltag gegen Ausnahmezustand
Sommerwetter „Sonniges Wochenende mit 32 Grad“ „Hitzewelle rollt heran“ Freizeitwetter gegen Belastung
Bahnpünktlichkeit „Acht von zehn Zügen pünktlich“ „Jeder fünfte Zug verspätet“ Erfolg gegen Mangel
Neue Brücke „Bau dauert ein Jahr länger als geplant“ „Brücke wird nach drei Jahren Bauzeit fertig“ Verzögerung gegen Fertigstellung
Schwimmbad „Eintritt steigt um einen Euro“ „Eintritt wird um 20 Prozent teurer“ kleine absolute gegen große relative Zahl

Keine dieser Formulierungen ist falsch. Aber jede lenkt den Blick in eine bestimmte Richtung, und wer nur eine davon liest, bekommt ein unvollständiges Bild.

Ein Ereignis, drei Fassungen

Wie viel die Gewichtung ausmacht, zeigt ein ausgedachtes Beispiel. Ein Herbststurm zieht über eine Region. Einige Bäume stürzen um, eine Bahnstrecke ist für sechs Stunden gesperrt, verletzt wird niemand. Drei mögliche Meldungen:

  • Fassung 1: „Sturm legt Bahnverkehr lahm: Pendler stranden stundenlang“. Der Rahmen ist das Chaos, im Mittelpunkt stehen Ärger und Ausfälle.
  • Fassung 2: „Sturm zieht glimpflich vorüber: keine Verletzten“. Der Rahmen ist Erleichterung, die Sperrung wird zur Randnotiz.
  • Fassung 3: „Wieder Bäume auf den Gleisen: Wie gut ist die Strecke geschützt?“ Der Rahmen ist Verantwortung, die Meldung legt nahe, dass jemand etwas versäumt hat.

Alle drei Fassungen können sachlich richtig sein. Sie beantworten aber unterschiedliche Fragen: Was ist schiefgelaufen, was ist gutgegangen, wer ist zuständig? Welche Fassung angemessen ist, hängt vom Publikum und vom Anlass ab. Eine Lokalzeitung für Pendlerinnen und Pendler setzt andere Schwerpunkte als ein Wetterportal. Problematisch wird es erst, wenn ein Rahmen wesentliche Fakten verschweigt, etwa wenn Fassung 1 nicht erwähnt, dass die Strecke nach sechs Stunden wieder frei war.

Framing, Bias und Lüge: die Unterschiede

Framing wird manchmal mit Lügen gleichgesetzt. Das ist ungenau:

  • Framing wählt aus und setzt Schwerpunkte, ohne Falsches zu behaupten.
  • Bias, also eine Schlagseite, entsteht, wenn eine Redaktion über längere Zeit einseitig auswählt, gewichtet oder formuliert.
  • Desinformation behauptet Falsches oder reißt Fakten so aus dem Zusammenhang, dass ein unzutreffender Eindruck entsteht.

Die Übergänge sind fließend. Ein Frame, der wesentliche Informationen verschweigt, kann in die Irreführung kippen. Dass Redaktionen sich mit solchen Fragen auseinandersetzen, gehört zu ihrem Handwerk. Wie Nachrichten entstehen und welche Regeln dabei gelten, erklärt der Ratgeber Journalismus verstehen.

Ist Framing vermeidbar?

Nicht vollständig. Jede Nachricht hat begrenzten Platz und muss entscheiden, womit sie beginnt. Jedes Wort trägt Bedeutungen mit, und es gibt selten einen völlig neutralen Begriff. Sorgfältige Redaktionen versuchen aber, Frames bewusst zu wählen: Sie nennen Zahlen vollständig, zeigen mehrere Perspektiven, vermeiden wertende Metaphern in Nachrichtentexten und trennen Bericht und Kommentar.

Besonders stark sind Frames in Überschriften und Vorschaubildern, weil dort wenig Platz ist und viel Aufmerksamkeit. Wie Überschriften gezielt auf Klicks optimiert werden, zeigt der Artikel Was ist Clickbait?.

So erkennst du Frames

  1. Welche Begriffe und Bilder werden verwendet, und welche Gefühle lösen sie aus?
  2. Was steht in der Überschrift und im ersten Absatz, was erst am Ende?
  3. Werden Zahlen absolut oder in Prozent genannt, und mit welcher Bezugsgröße?
  4. Wer kommt zu Wort, und wessen Sicht fehlt?
  5. Wie würde dieselbe Nachricht mit anderen Worten klingen?
  6. Wie berichten andere Medien über dasselbe Ereignis?

Die wirksamste Übung ist die Gegenprobe: Formuliere die Kernaussage einer Meldung gedanklich um, einmal positiver, einmal negativer. Wenn sich dein Eindruck dabei stark verändert, hast du einen Frame gefunden. Ebenso hilfreich ist der Vergleich mehrerer Quellen. Unterschiedliche Medien setzen oft unterschiedliche Schwerpunkte, und erst zusammen ergeben sie ein vollständigeres Bild.

Fazit

Framing ist kein Trick, den nur Manipulatoren beherrschen, sondern ein Grundprinzip von Kommunikation. Wer das weiß, liest Nachrichten bewusster: nicht misstrauisch gegenüber allem, sondern aufmerksam dafür, welcher Rahmen gerade gesetzt wird und was er möglicherweise ausblendet.

Häufige Fragen

Fragen und Antworten

Ist Framing dasselbe wie Manipulation?

Nein. Jede Nachricht muss auswählen, was sie zuerst nennt und welche Worte sie benutzt. Damit setzt sie zwangsläufig einen Rahmen. Manipulativ wird Framing erst, wenn der Rahmen bewusst so gewählt wird, dass wesentliche Informationen untergehen oder ein falscher Eindruck entsteht.

Woher kommt der Begriff Framing?

Das englische Wort frame bedeutet Rahmen. Der Begriff wurde in Soziologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaft geprägt, unter anderem durch Erving Goffman, der in den 1970er-Jahren beschrieb, wie Menschen Situationen mithilfe von Deutungsrahmen verstehen. Heute wird er besonders in der Medienforschung verwendet.

Kann man Framing vermeiden?

Vollständig nicht, weil Sprache immer Bedeutungen mitträgt. Redaktionen können aber bewusst neutrale Begriffe wählen, mehrere Perspektiven zeigen und Zahlen vollständig angeben. Als Leserin oder Leser hilft es, Frames zu erkennen und dieselbe Nachricht gedanklich anders zu formulieren.

Was ist der Unterschied zwischen Framing und Clickbait?

Clickbait will vor allem einen Klick erzeugen, meist mit Neugier und Übertreibung. Framing beschreibt allgemeiner, wie die Darstellung eines Themas dessen Deutung lenkt. Eine Clickbait-Überschrift setzt oft auch einen Frame, aber Framing findet sich ebenso in nüchternen Texten.

Zuletzt überarbeitet am 26. Oktober 2026 von der Redaktion acmedias.org. Fehler gefunden?Schreib uns.