Zukunft der Nachrichten

Wie Algorithmen in Feeds und News-Aggregatoren Nachrichten auswählen

Warum siehst du genau diese Meldung ganz oben? Feeds in sozialen Netzwerken und Nachrichten-Apps werden von Algorithmen sortiert. Welche Signale zählen, was du einstellen kannst und welche Regeln in der EU gelten.

Algorithmen in Feeds sortieren Beiträge danach, wie wahrscheinlich du dich für sie interessierst. Sie werten dafür Signale aus, etwa womit du bisher interagiert hast, wie lange du hinschaust, wem du folgst und wie andere auf einen Beitrag reagieren. Das Ergebnis: Was viele Reaktionen auslöst, wird sichtbarer, ob es wichtig ist oder nicht. Du kannst diese Auswahl aber beeinflussen, und in der EU müssen Plattformen offenlegen, wie sie grundsätzlich vorgehen.

Dieser Artikel gehört zum Ratgeber Die Zukunft der Nachrichten. Er erklärt, wie Empfehlungssysteme arbeiten, was das für Nachrichten bedeutet und welche Einstellungen du nutzen kannst.

Redaktion oder Algorithmus: zwei Arten der Auswahl

Lange entschieden Redaktionen, welche Nachrichten auf der Titelseite stehen. Sie wählten nach journalistischen Kriterien aus: Relevanz, Tragweite, Nähe, Neuigkeit. Diese Auswahl war für alle Leserinnen und Leser gleich.

Ein Algorithmus in einem Feed arbeitet anders. Er erstellt für jede Person eine eigene Reihenfolge. Ziel ist meist, dass du möglichst viel Zeit auf der Plattform verbringst und mit Inhalten interagierst. Ob ein Beitrag gesellschaftlich bedeutend ist, spielt dabei nur eine Rolle, wenn die Plattform es ausdrücklich einprogrammiert.

Merkmal Redaktionelle Auswahl Algorithmische Auswahl
Wer entscheidet? Menschen in einer Redaktion Software nach festgelegten Regeln
Für wen? für alle gleich für jede Person anders
Kriterien journalistische Relevanz, Nachrichtenfaktoren erwartetes Interesse, Interaktion, Verweildauer
Transparenz Impressum, verantwortliche Personen Grundzüge in den Nutzungsbedingungen

Welche Signale Algorithmen auswerten

Die genauen Regeln sind Geschäftsgeheimnisse und ändern sich laufend. Aus den Angaben der Plattformen und aus der Forschung lassen sich aber typische Signale ableiten:

  • Dein bisheriges Verhalten. Welche Beiträge du gelesen, geliked, kommentiert, geteilt oder gespeichert hast.
  • Verweildauer. Wie lange du bei einem Beitrag oder Video bleibst, auch ohne zu klicken. Schon kurzes Innehalten kann als Interesse zählen.
  • Beziehungen. Wem du folgst, mit wem du häufig interagierst, in welchen Gruppen du bist.
  • Reaktionen anderer. Wie viele und wie schnell andere Menschen auf einen Beitrag reagieren.
  • Aktualität. Neue Beiträge werden oft bevorzugt, besonders bei Nachrichten.
  • Art des Inhalts. Ob Video, Bild, Link oder Text, je nachdem, welche Formate du und die Plattform bevorzugen.
  • Negative Rückmeldungen. Ausblenden, „nicht interessiert“, Stummschalten oder Melden.
  • Kontext. Sprache, ungefährer Standort, Uhrzeit, Gerät.

Viele Plattformen ergänzen das um Regeln, die bestimmte Inhalte herabstufen, etwa Beiträge, die Faktenchecks als falsch eingestuft haben, oder offensichtlichen Spam. Wie konsequent das geschieht, ist unterschiedlich und von außen schwer zu überprüfen.

Ein vereinfachtes Beispiel

Wie die Signale zusammenwirken, zeigt ein stark vereinfachtes, ausgedachtes Beispiel. Drei neue Beiträge konkurrieren um den obersten Platz in deinem Feed:

Beitrag Dein bisheriges Verhalten Reaktionen anderer Aktualität Ergebnis
nüchterne Meldung zu einem neuen Gesetz liest du selten wenige sehr neu weiter unten
aufgeregtes Video über einen Streit im Stadtrat ähnliche Videos schaust du oft lange sehr viele Kommentare einige Stunden alt ganz oben
Beitrag einer Freundin über ihren Urlaub mit ihr interagierst du häufig einige Likes neu weit oben

Echte Systeme werten deutlich mehr Signale aus und gewichten sie ständig neu. Das Prinzip bleibt aber dasselbe: Der Algorithmus schätzt, worauf du reagieren wirst, und sortiert danach. Die Bedeutung eines Themas für die Gesellschaft ist dabei kein eigenes Signal, solange die Plattform es nicht ausdrücklich berücksichtigt.

Was das für Nachrichten bedeutet

Für Nachrichten hat die algorithmische Auswahl mehrere Folgen:

  • Aufregung wird belohnt. Beiträge, die Empörung, Angst oder Begeisterung auslösen, erzeugen oft viele Reaktionen und werden dadurch weiter verbreitet. Nüchterne Meldungen haben es schwerer.
  • Überschriften werden zugespitzt. Weil Redaktionen von der Reichweite der Plattformen abhängen, passen manche ihre Überschriften an das an, was im Feed funktioniert. Mehr dazu im Artikel Was ist Clickbait?.
  • Falschmeldungen können profitieren. Erfundene oder verzerrte Geschichten sind oft überraschender als die Wirklichkeit und erzeugen entsprechend viele Reaktionen.
  • Kontext geht verloren. Ein Beitrag im Feed steht für sich, ohne die Einordnung, die er auf der Seite der Redaktion hätte.
  • Wichtiges kann fehlen. Was du nicht anklickst, siehst du mit der Zeit seltener, auch wenn es relevant wäre.

Ob dadurch tatsächlich abgeschlossene Informationswelten entstehen, ist in der Forschung umstritten. Den Stand der Diskussion fasst der Artikel Filterblase und Echokammer: Was ist dran? zusammen.

News-Aggregatoren und Nachrichten-Apps

Neben sozialen Netzwerken sortieren auch Aggregatoren Nachrichten. Sie sammeln Meldungen vieler Medien und zeigen sie gebündelt an. Häufig gibt es einen allgemeinen Bereich mit Top-Meldungen und einen personalisierten Bereich, der sich an deinen Interessen orientiert. Manche Dienste lassen dich Quellen gezielt hinzufügen oder ausschließen.

Apps von Verlagen und Sendern werden dagegen meist redaktionell bestückt. Personalisierung gibt es dort eher in Form von Themen, die du abonnieren kannst. Worauf du bei der Wahl achten kannst, steht im Artikel Nachrichten-Apps im Vergleich.

Was der Digital Services Act regelt

In der EU gilt das Gesetz über digitale Dienste, der Digital Services Act (DSA). Für Empfehlungssysteme enthält er unter anderem diese Pflichten:

  • Offenlegung der Hauptkriterien. Online-Plattformen müssen in ihren Nutzungsbedingungen verständlich erklären, nach welchen wichtigsten Parametern ihre Empfehlungssysteme arbeiten und wie du diese beeinflussen kannst.
  • Option ohne Profiling. Sehr große Online-Plattformen und Suchmaschinen müssen mindestens eine Variante ihres Empfehlungssystems anbieten, die nicht auf Profiling beruht, also nicht auf der Auswertung deines persönlichen Verhaltens.
  • Risikobewertung. Sehr große Plattformen müssen systemische Risiken bewerten und mindern, etwa die Verbreitung rechtswidriger Inhalte oder negative Auswirkungen auf die öffentliche Meinungsbildung.

Die Regeln schaffen mehr Transparenz, aber sie machen Algorithmen nicht vollständig durchschaubar. Die Beschreibungen in den Nutzungsbedingungen bleiben allgemein.

Diese Einstellungen kannst du nutzen

  1. Gibt es eine chronologische Ansicht oder einen Feed nur mit Accounts, denen du folgst?
  2. Bietet die Plattform eine Option ohne personalisierte Empfehlungen an?
  3. Nutzt du „nicht interessiert“ oder „weniger davon anzeigen“ bei Inhalten, die du nicht sehen willst?
  4. Hast du Accounts seriöser Redaktionen gezielt abonniert oder in Listen gesammelt?
  5. Kommentierst oder teilst du Beiträge, die dich nur aufregen? Auch das ist ein Signal.
  6. Hast du einen Weg zu Nachrichten, der ganz ohne Algorithmus funktioniert?

Ein solcher Weg ist ein RSS-Feedreader: Er zeigt neue Beiträge deiner Quellen in zeitlicher Reihenfolge, ohne Bewertung und ohne Empfehlungen. Wie das funktioniert, erklärt der Artikel RSS-Feeds nutzen. Auch Newsletter und klassische Nachrichtensendungen folgen einer redaktionellen statt einer algorithmischen Auswahl.

Fazit: Der Feed ist kein Spiegel der Welt

Ein Feed zeigt nicht, was wichtig ist, sondern was für dich als interessant vorhergesagt wird. Das ist kein Grund, soziale Netzwerke zu meiden, aber ein guter Grund, sie nicht als einzige Nachrichtenquelle zu nutzen. Wer weiß, nach welchen Signalen sortiert wird, kann bewusster klicken, Einstellungen gezielt nutzen und seinen Nachrichtenmix um Quellen ergänzen, die nach journalistischen Kriterien auswählen.

Häufige Fragen

Fragen und Antworten

Kann ich den Algorithmus abschalten?

Ganz abschalten lässt er sich meist nicht, aber viele Plattformen bieten eine chronologische Ansicht oder einen Feed nur mit Accounts, denen du folgst. Sehr große Plattformen müssen in der EU mindestens eine Option für Empfehlungen anbieten, die nicht auf Profiling beruht. Wo du sie findest, steht in den Feed- oder Datenschutzeinstellungen.

Warum sehe ich so viele aufregende Nachrichten?

Weil Inhalte, die starke Gefühle auslösen, häufig mehr Kommentare, Teilungen und Verweildauer erzeugen. Diese Reaktionen werten viele Algorithmen als Zeichen von Interesse und zeigen ähnliche Inhalte öfter an. Das heißt nicht, dass Plattformen bewusst Empörung fördern wollen, aber das Ergebnis kann ähnlich aussehen.

Wählen bei Nachrichten-Apps Menschen oder Maschinen aus?

Das ist unterschiedlich. Apps von Verlagen und Sendern werden meist von Redaktionen bestückt, teils ergänzt um personalisierte Bereiche. Aggregatoren arbeiten überwiegend automatisch, manche kombinieren das mit redaktioneller Auswahl. Ein Blick in die Hilfe- oder Infoseiten der App verrät oft, wie sie vorgeht.

Hilft es, auf „nicht interessiert“ zu klicken?

Ja, solche Rückmeldungen gehören zu den Signalen, die viele Plattformen berücksichtigen. Wirksam ist auch, Inhalte, die dich nur aufregen, nicht zu kommentieren oder zu teilen, denn jede Interaktion kann als Interesse gewertet werden.

Zuletzt überarbeitet am 26. Oktober 2026 von der Redaktion acmedias.org. Fehler gefunden?Schreib uns.